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Flexibler Schulanfang an der Schwarzburgschule

Die Schwarzburgschule arbeitet als Schule im Flexiblen Schulanfang.

Was bedeutet das?

Schulorganisatorisch: Alle unsere Klassen der ersten beiden Schuljahre arbeiten jahrgangsgemischt. Im Idealfall ist die Hälfte der Schulanfänger im ersten Schulbesuchsjahr, die andere Hälfte im zweiten Schulbesuchsjahr. Ein oder zwei Kinder können auch den flexiblen Schulanfang im dritten Jahr besuchen, weil sie noch etwas mehr Zeit brauchen.

Schulrechtlich bedeutet der Flexible Schulanfang, dass alle Kinder des Einschulungsjahrgangs eingeschult werden und die Kinder das Lernprogramm in einem, zwei oder drei Schuljahren durchlaufen können.

Wie verfahren Grundschulen, die nicht im flexiblen Schulanfang arbeiten?

Wenn ein Kind in seiner Entwicklung beim Schulstart noch nicht so weit ist? Es wird vom Schulbesuch zurückgestellt und besucht einen Kindergarten oder eine Vorklasse. Wir haben früher die Erfahrung gemacht, dass es für Eltern und Kinder sehr kränkend ist, wenn das Kind noch nicht die erste Klasse besuchen darf.

Wenn ein Kind eingeschult wurde, aber doch nicht erfolgreich den Lernstoff des ersten Schuljahrs bewältigen konnte? Es muss wiederholen und verliert seinen sozialen Bezugsrahmen (Klassenraum, Klassenkameraden, Klassenlehrerin).

Wenn ein Kind ganz schnell lernen kann? Es kann ein Schuljahr überspringen, beispielsweise vom ersten Schuljahr in das zweite Schuljahr. Die übersprungenen Bildungsinhalte muss das Kind selbstständig nachholen. Im Flexiblen Schulanfang kann es sich schrittweise von der Anfängergruppe (Forschergruppe) in die Fortgeschrittenengruppe (Expertengruppe) bewegen, auch ohne die Klasse wechseln zu müssen.

Welches ist die pädagogische Leitidee, die hinter dem jahrgangsübergreifenden Lernen steht?

Wir möchten allen Kindern erlauben, den für sie nächsten Lernschritt zu gehen. Das heißt, wir versuchen weitgehend individualisierend zu arbeiten. Hatte man in der Vergangenheit den Lernstoff für eine Klasse vorbereitet, wählte man ein eher mittleres Niveau, um möglichst viele Kinder erreichen zu können. Die leistungsschwächeren Kinder konnten kaum mitkommen und machten ständig Misserfolgserfahrungen. Die leistungsstärkeren waren nicht herausgefordert und konnten auch aus einer Unterforderung heraus die Mitarbeit verweigern.

Wie kann das funktionieren, ein passgenaues Angebot für alle  Kinder zu schaffen?

Beispielsweise  wählt die Lehrkraft  offene Aufgabenstellungen aus, z.B. „Schreibe eine Geschichte zu einem Bild oder einer Figur aus einem Kinderbuch“. Hier kann das Kind von einzelnen Worten in Großbuchstaben bis hin zu einer mehrseitigen sprachlich und rechtschriftlich ausgearbeiteten Geschichte alles aufschreiben. Dabei ist es nicht beliebig, was ein Kind schreibt. Wir stellen durchaus Leistungserwartungen, differenziert, denn jeder soll sein Bestes geben können.

Unsere Unterrichtsmaterialien erlauben selbstständiges Arbeiten. Beispielsweise können die „Forscher“  einzelne Buchstabentürme erarbeiten, während die „Experten“,  nachdem sie lautgetreu schreiben können, erste Rechtschreibregeln kennenlernen und das Anwenden derselben üben.

In Mathematik können wunderbar die geraden und ungeraden Zahlen sowie die Fünferzahlen im kleinen wie im großen Zahlenraum geübt werden. Dabei  können die „Forscher“ sehen, wie das Lernen weiter geht und der eine oder andere „Experte“ kann noch einmal die Fragestellung im kleinen Zahlenraum wiederholen.

Die Kinder eignen sich das Wissen in seiner dynamischen Form an: Durch die Aufgabenformate mit leistungsdifferenzierten Zugängen nehmen sie vorausschauend die Aufgaben der Zone der nächsten Entwicklung mit in den Blick. Sie reflektieren in der Rückschau die früher gelösten Aufgaben mit einem vertieften analytischen Verständnis.

Natürlich gibt es in unserem Unterricht auch Erklärungssequenzen, die sich nur an eine Gruppe wenden. Falls diese Stunde nicht mit zwei Lehrkräften besetzt ist, lernt eine Gruppe ohne Lehrkraft selbständig an den eigenen Unterrichtsmaterialien,  gegebenenfalls im Nebenraum oder auch auf dem Flur.

Welche Vorteile verbinden sich mit dem jahrgangsübergreifenden Lernen?

Das soziale Lernen wird gefördert: Kinder lieben es Verantwortung als „Größere“ für die „Kleineren“ zu übernehmen. Sie nehmen sich selbst dadurch als kompetente Persönlichkeit wahr. Die „Kleineren“ fühlen sich unterstützt durch die „Größeren“ und sehen in ihnen ein Vorbild, dem es nachzustreben gilt.

Alle Kinder nehmen die Unterschiedlichkeit als Selbstverständlichkeit wahr und lernen so zu kommunizieren, dass unterschiedliche Verstehensweisen möglich sind. Der Flexible Schulanfang integriert sich hervorragend in das Konzept des inklusiven Unterrichts:  Wir sind alle verschieden, aber wir alle können etwas.

Während sich die Kinder in der Jahrgangsklasse vorwiegend an der Klassennorm orientieren, können sie in der jahrgangsübergreifenden Klasse ihren eigenen Lernfortschritt im Vergleich zum Vorjahr erkennen. Die Reflexion des eigenen Lernfortschritts ist eine wichtige Erfahrung für das lebenslange Lernen!  Für die Kinder, die in der Jahrgangsklasse immer zu den „schlechteren“ gehören würden, ist die Erfahrung, auch etwas besser als die Schulanfänger zu können, von großer Bedeutung für das Selbstwertkonzept.

Wir in der Schwarzburgschule legen größten Wert auf die überfachlichen Kompetenzen, auf das soziale Lernen und auf die personalen Kompetenzen. Personale Kompetenz meint zum Beispiel, dass ich mich selbst gut einschätzen kann und weiß, welches mein nächster Lernschritt ist, dass ich vor allem meine eigenen Erfolge würdigen kann und mich nicht ständig im Vergleich mit anderen sehen muss.

Dieses anspruchsvolle Unterrichtskonzept realisieren wir in multiprofessionellen Teams. Neben den Grundschullehrkräften arbeiten bei uns Sozialpädagogen und Förderschullehrkräfte. Die Sozialpädagogen betreuen insbesondere die Kinder, die beim Schulstart Unterstützung brauchen, die Förderschullehrkräfte konzipieren Programme für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder unterstützen Kinder, die einen Nachteilsausgleich im Rechnen, Schreiben oder Lesen haben. Die Klassenlehrkraft ist für das Gesamtkonzept des Unterrichts verantwortlich. Da wir uns zu regelmäßigen Teamsitzungen und Konferenzen treffen und ein großer Wissenstransfer in den letzten Schuljahren stattgefunden hat, werden im Unterricht auch wechselweise Aufgaben übernommen.

Durch die Organisation, dass die Hälfte einer Flexklasse ins dritte Schuljahr geht und zusammen mit der Hälfte einer Partnerklasse die neue dritte Klasse bildet, kommt es in der Regel beim Übergang nach Klasse 3 zu einem Klassenlehrerwechsel.  Sicherlich wird das Abschiednehmen mit traurigen Gefühlen begleitet werden. Der  gemeinsame Neuanfang im dritten Schuljahr ist für die Kinder aber auch verlockend und eine neue Klassenführung wird neue Impulse setzen, die für die Entwicklung der Kinder sehr hilfreich sein kann.

 

Marianne Weber Juli 2016